LR: Gottes Gnade – größer als unsere

Lausitzer Rundschau

Am Anfang eines neuen Jahres fragen wir: Wie war der Weg, den ich gegangen bin, wo stehe ich – auf meinem Weg und welche Abzweigung sollte ich nehmen, wo wird mich mein Weg hinführen? Wir sehnen uns nach einem Licht, das uns den rechten Weg weist. Epiphanias, das Fest der Erscheinung Gottes unter den Menschen, ein Hochfest der Kirche, ein Freudenfest.

Hier spielen Licht und Dunkelheit eine große Rolle. Auch heute noch sprechen die Menschen davon, »Licht in eine Sache zu bringen«, wenn es darum geht, etwas aufzuklären oder die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Epiphanias – von dem göttlichen Geheimnis der Person Jesu ist an vielen Stellen des Neuen Testaments die Rede. Eine herausragende Stellung nimmt dabei der Anfang des Johannesevangeliums ein, der so genannte Prolog. Ihm liegt ein alter Hymnus zugrunde, ein liturgisches Lied.

Entsprechend feierlich, ja fast pathetisch klingen die Verse dieses Liedes. Da wird ein großer zeitlicher Bogen gespannt, ausgehend vom Beginn der Welt. Wir kennen die Eingangsworte des Liedes: »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort… und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.«

Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden. In unseren Ohren klingt das Wort »Gnade« ein wenig veraltet und beinahe verstaubt. Es erinnert an längst vergangene Zeiten, an Mittelalter und Absolutismus, an Feudalherrschaft und königliches Gottesgnadentum, an Autorität und strenge Hierarchie.

Heutzutage spricht man bevorzugt noch im Justizwesen von Gnade, wenn es zum Beispiel darum geht, dass ein langjährig Inhaftierter ein Gnadengesuch stellt. Ein Bundespräsident kann einem Gnadengesuch zustimmen – im Namen des Volkes – das ist eine hohe Verantwortung auch angesichts dem Rechtsempfinden der Bürger des Staates. Gnade hat immer Geschenkcharakter. Es gibt keinen Anspruch, kein Recht auf Gnade. Gnade lässt sich auch nicht »verdienen«. Gnade ist immer ein Geschenk.

Epiphanias, das Fest der Erscheinung des Herrn: Jesus Christus durchbricht die Vorstellungen von Gnade, Recht und Gerechtigkeit, von Vergehen und Strafe. Er sucht gezielt den Kontakt zu Menschen, die in der damaligen Gesellschaft geächtet waren. Er spricht mit einer verachteten Samariterin ohne Scheu und Vorbehalte. Er bewahrt eine Ehebrecherin vor der Strafe der Steinigung, weil er die Ankläger überführt.

Wo Jesus geht und steht, werden Menschen frei – frei von ihren Sorgen und Ängsten, ihren Nöten und Lasten. Sie werden frei von allem, was sie einengt, quält und bedrückt.

In Jesu Nähe können auch wir aufatmen. Dies geschieht in der Kraft Gottes, die ohnmächtig kam und uns doch überwältigt hat: Licht vom ewigen Licht – Jesus Christus, vom Vater gesandt zu unserem Wohl.

Gott möge uns dabei helfen in dem Lichte Gottes und in Gnade zu handeln und zu stehen. Möge unser Leben durch Jesu nicht im Dunklen und in der Finsternis bleiben, sondern von seinem Licht und seiner Gnade erfüllt sein!

 

Klaus Tiedemann,
ev. Pfarrer in Großthiemig

 

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